Die Printmedien sind tot, da sind sich viele einig. Sie sollten es sich jedoch nicht allzu gemütlich machen, denn Experten zufolge sind Trillionen Texte aus dem World Wide Web schon auf dem Weg. Zusammenrücken ist angesagt – auf dem Friedhof der Textleichen. Rettest du diesen Text vor seinem Schicksal?

Online oder Print – gelesen wird es eh nicht.

Der Kaffee ist angesetzt, der noch nicht ganz wache Hintern unter dem offenen Dachfenster auf der Couch der WG-Küche platziert. Während die Mitbewohnerin ohnehin noch das Bad blockiert, wird die ZEIT aufgeschlagen – eben erwähnte Mitbewohnerin unter der Dusche hatte doch von diesem Artikel erzählt. Oder heute einfach mal vorne anfangen, sich Zeit lassen?

Stopp! Wem mache ich da eigentlich was vor?

Es ist Dienstag. Die Schlummerfunktion des Weckers mal wieder bis aufs Äußerste ausgereizt. Der Frühstückszug ist abgefahren, (halbwegs) genießbaren Kaffee gibt es auch an der Uni. Die Zeitung für den Weg einstecken? Nein. Im Bus verpasst man dem Sitznachbarn mit einer Zeitung in der Größe eines Bettlakens beim Umblättern ständig Ohrfeigen. Auf dem Fahrrad liest es sich erst recht schlecht. Dann doch lieber schnell los. Wenigstens während der ersten Vorlesung auf dem Smartphone die News checken, ein paar Dreizeiler schafft man auch ohne Kaffee – vorausgesetzt Highspeedvolumen und WLAN spielen mit.

Die Printmedien sind also tot.

Das hört man an allen Ecken. Aber sind wir doch mal ehrlich, Onlinetexte liegen längst im Grab daneben, auf dem Friedhof der ungelesenen Textleichen.

Keiner liest mehr Printmedien? Alle lesen online? Könnte man meinen. Aber die, die online lesen, lesen eigentlich gar nicht. Sagen die Experten. Wir lesen nicht, wir scannen. Eigentlich nicht mal mehr das: wir skimmen, hüpfen fröhlich von Headline zu Headline, werfen eventuell noch einen Blick auf das Bild, mehr eigentlich nicht. Eigentlich, eigentlich.

8 von 10 Lesern lesen die Überschrift, nur 2 von 10 den Rest des Textes.

Herzlichen Glückwunsch, du bist einer der beiden. Aber so langsam geht dir der Atem aus? Vielleicht ist sampling was für dich?

Ja, die Studien sind sich einig. Wir alle betreiben sampling – wir „lesen“ stichprobenartig mal rein in den Text, bis wir genug haben: satisficing nennt man das, solange lesen, wie man die Informationen für zufriedenstellend und ausreichend befindet.

Ehre gebührt also schon dem Texter, dessen Teaser zu Ende gelesen wird – geschweige denn dem, der es schafft diesen ominösen [mehr]-Button, das Tor zur Body, zu entstauben.

Noch da?

Hand aufs Herz, wenn ich 8 von 10 Lesern schon nach der Überschrift verloren habe, stehen die Chancen schlecht, dass überhaupt jemand bis hierher gekommen ist. Ob die Informationsdichte satisficing genug war? Ich wage es zu bezweifeln. Und scrollen – das macht doch 2016 erst recht keiner mehr. Nicht mal interessante Listen finden sich hier – keine 10 Kleidungsstücke, die Männer nicht an Frauen sehen wollen, oder 5 Lebensmittel, die du auf dem Weg zur Bikinifigur niemals essen darfst. Nicht mal ein süßes Katzenbaby, eine ungewöhnliche Tierfreundschaft oder ein Faultier. Na gut, ein süßes Faultier sitzt schon drin, Belohnung muss sein.

Ein Faultier zur Belohnung

Ein Faultier zur Belohnung (Credits: Christian Mehlführer)

Wusstest du eigentlich, dass die Hälfte aller Faultiere beim Toilettengang draufgeht? Naja, das ist eine andere Geschichte.

Im Grunde macht dieser Text all das, was er nicht tun sollte. Vermittelt vermutlich nicht das Gefühl, dass du ihn lesen musst. Aber das musst du ja auch nicht – und tust du vielleicht auch nicht. Vielleicht war beim Faultier Schluss, weil du eher der Schildkrötentyp bist. Vielleicht langweile ich dich aber auch einfach zu Tode und du jagst lieber im Park ein wildes Enton.

Die Moral von der Geschicht: Du liest ja doch nur, was du lesen willst.

Allerorts rackern sich Texter ab, um dir ihre Inhalte möglichst schmackhaft zu machen. Infos in leicht verdaulichen Häppchen serviert – so wie Oma damals den Rand vom Nutellabrot abgeschnitten und den Rosenkohl mit einer Extraportion Frikadellen und Soße an die Enkel gebracht hat. Natürlich haben Mama und Papa davon nie etwas erfahren. Überall arbeiten also Leute daran, ihre Texte ebenso an den Mann zu bringen. Nur dass Frikadellen online eher selten zu finden sind. Sie tracken deine Augen, um dir die wichtigsten Keywords da zu präsentieren, wo du hinsiehst, in F-Form um genau zu sein. Formulieren Teaser und Cliffhanger, die dich – wie die Möhre an der Angel den Esel – weiter locken sollen.

Wenigstens ein paar Zeilen noch, du sturer Esel, pardon, Leser.

Wenn du mich fragst, Onlinetexten ergeht es nicht besser als Ihrem großen Bruder Print. Wie die Untoten kursieren sie halb lebendig durchs Netz, werden geklickt und doch nicht gelesen. Ich für meinen Teil lege jetzt das Laptop beiseite und schlage doch mal die oben erwähnte Zeitung auf, man hat schließlich dafür bezahlt. Vielleicht statte ich aber auch meinem liebsten Onlinemusikmagazin mal wieder einen Besuch ab. Einen Unterschied macht das nicht wirklich. Denn mir geht es da nicht anders als dir: was ich lesen will, das lese ich, was ich nicht lesen will, das lese ich nicht.

Und in solchen Momenten feiert dann doch der ein oder andere Artikel – ob online oder offline – seine Auferstehung von den (Un)toten.

 

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